NacktePoesie

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Der Waldgang ist kein Spaziergang!
Auf die Furchtlosigkeit und die Freiheit, Prost!

Ich lese Kapitel 16 bis 18 aus dem Waldgang von Ernst Jünger.
Der Waldgang ist kein Spaziergang!
Auf die Freiheit und die Furchtlosigkeit, Prost!

"... Seefahrt und Wald - es mag schwer scheinen, so Entferntes zum Bilde zu vereinigen. Dem Mythos ist der Gegensatz vertrauter - so ließ der von tyrrhenischen Schiffen entführte Dionysos Weinreben und Efeu die Ruder umstricken und zu den Masten emporwuchern. Aus ihrem Dickicht brach der Tiger hervor, der die Räuber zerriß.
Mythos ist keine Vorgeschichte, er ist zeitlose Wirklichkeit, die sich in der Geschichte wiederholt. Daß unser Jahrhundert in den Mythen wieder Sinn findet, zählt zu den guten Vorzeichen. Auch heute ist der Mensch durch starke Mächte weit auf das Meer, weit in die Wüste und ihre Maskenwelt hinausgeführt. Die Fahrt wird ihr Bedrohliches verlieren, wenn er sich seiner Götterkraft besinnt. ..."

Wählen oder nicht wählen, das ist nicht die Frage, die sich hier stellt. Im Waldgang geht es darum, Widerstand gegen die totale Unterdrückung zu leisten.
"... Die Zeichen können als Farbe, Figuren oder Gegenstände auftreten. Wo sie Buchstabencharakter tragen, verwandelt sich die Schrift in Bilderschrift zurück. Damit gewinnt sie unmittelbares Leben, wird hieroglyphisch und bietet nun, statt zu erklären, Stoff für Erklärungen. Man könnte noch weiter abkürzen und statt des "Nein" einen einzigen Buchstaben setzen - nehmen wir an, das W. Das könnte dann etwa heißen: Wir, Wachsam, Waffe, Wölfe, Widerstand. Es könnte auch heißen: Waldgänger.
Das wäre ein erster Schritt aus der statistisch überwachten und beherrschten Welt. Und sogleich erhebt sich die Frage, ob denn der Einzelne auch stark genug zu solchem Wagnis ist. ..."

Kaum ein Tag verging, an dem Ernst Jünger nicht gelesen und geschrieben hat, ob gemütlich zu Hause oder im Schützengraben. Neben den Käfern war die Literatur seine große Leidenschaft.

"... Und wirklich sehen wir die Perspektive wechseln, insofern die Schilderung der fortschreitenden oder sich zersetzenden Gesellschaft abgelöst wird durch die Auseinandersetzung des Einzelnen mit dem technischen Kollektiv und seiner Welt. Indem der Autor in ihre Tiefe eindringt, wird er selbst zum Waldgänger, denn Autorschaft ist nur ein Name für Unabhängigkeit.
Von diesen Schilderungen führt eine gerade Linie zu Edgar Allen Poe. Das Außerordentliche an diesem Geist liegt in seiner Sparsamkeit. Wir hören das Leitmotiv, noch ehe sich der Vorhang hebt, und wissen bei den ersten Takten, daß das Schauspiel bedrohlich werden wird. Die knappen mathematischen Figuren sind zugleich Schicksalsfiguren, darauf beruht ihr unerhörter Bann. Der Malstrom, das ist der Trichter, der unwiderstehliche Sog, mit dem die Leere, das Nichts anzieht. Die Wassergrube gibt uns das Bild des Kessels, der immer dichteren Umkreisung, der Raum wird enger und drängt auf die Ratten zu. Das Pendel ist das Sinnbild der toten, meßbaren Zeit. Es ist die scharfe Sichel des Kronos, die an ihm schwingt und den Gefesselten bedroht, doch die ihn zugleich befreit, wenn er sich ihrer zu bedienen weiß. ..."

"Die Welt ist eine Bühne und die Akteure grottenschlecht" so in etwa sagte es schon Shakespeare vor über 450 Jahren und daran hat sich trotz allen Fortschritts nichts geändert.
"...Zur Eigenart unserer Zeit gehört die Verknüpfung bedeutender Auftritte mit unbedeutenden Darstellern. Das wird vor allem an ihren großen Männern sichtbar; man hat den Eindruck, daß es sich um Gestalten handelt, wie man sie in beliebiger Menge in Genfer oder Wiener Kaffeehäusern, in provinziellen Offiziersmessen oder obskuren Karawansereien finden kann. Wo über die bloße Willenskraft hinaus geistige Züge auftreten, darf man darauf schließen, daß noch alter Stoff vorhanden ist, wie etwa bei Clemenceau, den man als in der Wolle gefärbt bezeichnen kann.
Das Ärgerliche an diesem Schauspiel ist die Verbindung von so geringer Höhe mit ungeheurer funktioneller Macht. Das sind die Männer, vor denen Millionen zittern, von deren Entschlüssen Millionen abhängen. Und doch sind es dieselben, von denen man zugeben muß, daß der Zeitgeist sie mit unfehlbarem Griff auswählte, wenn man ihn unter einem seiner möglichen Aspekte, nämlich dem eines gewaltigen Abbruchunternehmers, betrachten will. All diese Enteignungen, Abwertungen, Gleichschaltungen, Liquidationen, Rationalisierungen, Sozialisierungen, Elektrifizierungen, Flurbereinigungen, Aufteilungen und Pulverisierungen setzen weder Bildung noch Charakter voraus, die beide den Automatismus eher schädigen. ..."

Der Waldgang von Ernst Jünger ist ein zeitloses gesellschaftsanalytisches Meisterwerk, welches gerade heute wieder aktueller und dringlicher ist denn je. Die, die noch ahnen, was wahre Freiheit ist, werden den Waldgang nicht scheuen. Es lebe der Waldgänger!
..."Im Waldgang betrachten wir die Freiheit des Einzelnen in dieser Welt. Dazu ist auch die Schwierigkeit, ja das Verdienst zu schildern, das darin liegt, in dieser Welt ein Einzelner zu sein. Daß sie sich, und zwar notwendig, verändert hat und noch verändert, wird nicht bestritten, doch damit verändert sich auch die Freiheit, zwar nicht in ihrem Wesen, wohl aber in der Form."...

"... Wir wollen uns begnügen, in einer Stadt von zehntausend Einwohnern hundert Menschen zu vermuten, die der Gewalt Abbruch zu leisten entschlossen sind. In einer Millionenstadt leben zehntausend Waldgänger, wenn wir uns dieses Namens bedienen wollen, ohne noch seine Tragweite zu übersehen. Das ist eine gewaltige Macht. Sie ist zum Sturz auch starker Zwingherren hinreichend. Die Diktaturen sind ja nicht nur gefährlich, sie sind zugleich gefährdet, da die brutale Kraftentfaltung auch weithin Abneigung erregt. In solcher Lage wird die Bereitschaft winziger Minderheiten bedenklich sein, vor allem, wenn sie eine Taktik entwickeln. ..."

"....
Der schlechte Wähler gleicht einem Verbrecher, der zum Tatort schleicht.
Wie anders fühlt der gute Wähler sich durch diesen Tag erquickt. Bereits beim Frühstück erhielt er durch den Rundfunk den letzten Auftrieb, die letzte Anweisung. Dann geht er auf die Straße, auf der festliche Stimmung herrscht. Von jedem Hause, aus jedem Fenster hängen Fahnen herab. Im Hof des Wahllokals begrüßt ihn eine Kapelle, die Märsche spielt. Die Musikanten sind in Uniform gekleidet, und auch im Wahlraum fehlt es an Uniformen nicht. Dem guten Wähler wird in der Begeisterung entgehen, daß dagegen von einer Wahlzelle kaum noch gesprochen werden kann.
Das freilich ist der Umstand, der die Aufmerksamkeit des schlechten Wählers vor allem in Anspruch nimmt.
..."

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